Weniger Licht, gedrückte Stimmung, und wann das Gespräch in die Praxis gehört

Straßenlaterne leuchtet im Morgennebel über einem nassen Gehweg mit kahlen Bäumen

Ab Mitte Oktober ändert sich, womit Menschen in die Sprechstunde kommen. Nicht die großen Themen, sondern eine Beschreibung, die fast wörtlich wiederkehrt: Es fällt schwerer aufzustehen, abends ist nichts mehr übrig, und eigentlich ist gar nichts passiert.

Die naheliegende Erklärung liegt draußen. Die Tage werden kürzer, der Weg zur Arbeit findet im Dunkeln statt, der Rückweg auch. Diese Erklärung stimmt für viele, und sie ist zugleich der Grund, warum manche zu lange warten: Wenn es an der Jahreszeit liegt, wird es im März schon von selbst besser.

Was folgt, ist keine Anleitung zur Selbsteinschätzung. Es ist eine Ordnung dessen, was in dieser Zeit typischerweise berichtet wird, eine Beschreibung des Unterschieds zwischen einer vorübergehenden Verstimmung und einem Zustand, der abgeklärt gehört, und eine Vorbereitung auf das Gespräch in der Praxis.

  • Häufig berichtet: Müdigkeit trotz genug Schlaf, weniger Antrieb, mehr Appetit auf Kohlenhydrate
  • Zeitlicher Verlauf: Beginn im Herbst, Besserung im Frühjahr, über mehrere Jahre wiederkehrend
  • Entscheidend ist nicht das Gefühl, sondern Dauer, Ausmaß und Beeinträchtigung des Alltags
  • Faustregel für den Termin: zwei Wochen fast durchgehend, mit spürbaren Folgen
  • Was vorher geprüft wird: körperliche Ursachen, Medikamente, Schlafverhalten
  • Kein Selbsttest im Netz ersetzt eine Einschätzung in der Praxis
  • Sofort: bei Gedanken an Selbstverletzung oder Suizid nicht auf einen Termin warten

Was im Oktober in der Sprechstunde erzählt wird

Die Schilderungen ähneln sich in vier Punkten. Die Müdigkeit passt nicht zur Schlafmenge. Der Antrieb reicht für Pflichten, aber nicht mehr für das, was zusätzlich käme. Der Appetit verschiebt sich, oft in Richtung Brot, Nudeln und Süßes. Und Verabredungen werden häufiger abgesagt als im Sommer.

Auffällig ist, wie oft dabei entschuldigend gesprochen wird. Menschen berichten diese Veränderungen mit dem Zusatz, es sei ja nichts Schlimmes und andere hätten größere Sorgen. Diese Einleitung ist so verbreitet, dass sie fast zum Bild gehört.

Wichtig für die Einordnung ist die zeitliche Angabe, die selten von selbst kommt. Seit wann genau, und war das im letzten Jahr auch so? Erst die Antwort auf die zweite Frage macht aus einer Momentaufnahme einen Verlauf, und Verläufe sind das, womit sich in der Praxis arbeiten lässt.

Saisonale Verstimmung Herbst: was typischerweise berichtet wird

Unter dem Stichwort saisonale Verstimmung Herbst laufen im Alltagsgebrauch sehr verschiedene Dinge. Von einer leichten Trägheit an nassen Novembertagen bis zu einem Zustand, der über Monate den Beruf beeinträchtigt, wird alles mit demselben Ausdruck bezeichnet.

In der fachlichen Beschreibung geht es nicht um ein eigenständiges Krankheitsbild, sondern um ein Verlaufsmuster: depressive Beschwerden, die in bestimmten Jahreszeiten beginnen und in anderen zurückgehen, und zwar wiederholt über mehrere Jahre. Das Muster wird also erst über die Zeit erkennbar, nicht in einer einzelnen Woche.

Für Leserinnen und Leser folgt daraus eine Entlastung und eine Einschränkung zugleich. Die Entlastung: Nicht jede gedrückte Woche im November bedeutet etwas. Die Einschränkung: Ob ein Muster vorliegt, lässt sich am Küchentisch nicht entscheiden, weil dafür Fragen nötig sind, die eine Praxis stellt.

Warum das Licht in diesem Zusammenhang genannt wird

Die Menge an Tageslicht, die auf die Augen trifft, verändert sich zwischen Juni und Dezember erheblich, und zwar deutlich stärker, als es sich subjektiv anfühlt. Innenräume wirken hell, liegen aber um Größenordnungen unter dem, was ein bedeckter Tag im Freien liefert.

Licht am Morgen ist außerdem der wichtigste Taktgeber für die innere Uhr. Wer im Dunkeln aufsteht und im Dunkeln heimkommt, bekommt diesen Taktgeber schwächer und später, was Schlafzeiten und Wachheit verschieben kann. Zusammenhänge zum Schlaf beschreibt unser Beitrag zur Schlafhygiene.

Über diesen Zusammenhang hinaus wird viel vermutet und wenig sicher gewusst. Erklärungsmodelle zu Botenstoffen und Hormonen kursieren in vereinfachter Form, die Befundlage dazu ist uneinheitlich, und keines dieser Modelle taugt zur Erklärung eines Einzelfalls.

Praktisch bedeutsam bleibt der schlichte Teil: Tageslicht im Freien am Vormittag ist in dieser Jahreszeit knapp, und knapp wird es vor allem bei Menschen mit langen Innenarbeitstagen.

Wen es häufiger trifft, und wo die Zahlen unsicher sind

Häufigkeitsangaben zu jahreszeitlich gebundenen Beschwerden gehen in der Literatur weit auseinander, und der Grund dafür ist methodisch. Erhebungen, die auf Fragebögen mit Rückerinnerung beruhen, kommen regelmäßig zu höheren Werten als solche, die über ein Jahr hinweg wiederholt messen.

Das ist nachvollziehbar: Im Februar gefragt, ordnen viele Menschen ihre Stimmung der Jahreszeit zu, weil die Erklärung naheliegt. Prospektive Erhebungen finden dieses Muster seltener. Wer also eine bestimmte Zahl liest, sollte zuerst nach der Erhebungsart fragen.

Etwas konsistenter ist die Beobachtung, dass Beschwerden dieser Art in nördlicheren Regionen häufiger berichtet werden als in südlichen, wenn auch nicht so geradlinig, wie es die Lichtmenge nahelegen würde. Kultur, Arbeitszeiten und Wohnverhältnisse spielen erkennbar mit hinein.

Für das eigene Gespräch in der Praxis ist die Statistik ohnehin nachrangig. Sie sagt etwas über Gruppen und nichts über den Verlauf einer einzelnen Person, und genau dieser Verlauf ist es, der die Einschätzung trägt.

Vorübergehende Verstimmung und behandlungsbedürftiger Zustand

Der Unterschied liegt nicht in der Art der Beschwerden, sondern in vier Größen: Dauer, Ausmaß, Ausbreitung und Folgen. Eine gedrückte Stimmung an drei nassen Tagen ist etwas anderes als eine, die fast jeden Tag über zwei Wochen anhält.

Ausmaß meint, wie stark der Alltag betroffen ist. Wenn Aufgaben liegen bleiben, die vorher selbstverständlich waren, ist das eine andere Größenordnung als weniger Lust auf Abendtermine. Ausbreitung meint, ob mehrere Bereiche betroffen sind: Arbeit, Haushalt, Kontakte, Interessen.

Folgen meint das, was daraus entsteht: Krankmeldungen, unbeantwortete Post, abgebrochene Kontakte, mehr Alkohol als sonst. Diese Folgen sind für andere sichtbar und werden von Betroffenen oft zuletzt bemerkt.

Die Unterschiede in der Übersicht

Merkmal Eher vorübergehende Verstimmung Spricht für eine Abklärung
Dauer einzelne Tage, mit Unterbrechungen fast durchgehend über zwei Wochen und länger
Freude bei schönen Anlässen weiter möglich auch angenehme Dinge erreichen kaum noch
Alltag läuft, wenn auch mühsamer Aufgaben bleiben liegen, Termine platzen
Schlaf etwas mehr Schlafbedarf durchgehende Störung oder starkes Mehrschlafen
Selbstbild weitgehend unverändert Schuldgefühle, Wertlosigkeit, Hoffnungslosigkeit
Verlauf über Jahre uneinheitlich wiederkehrend zur selben Jahreszeit

Die Tabelle ordnet, sie stellt nichts fest. Kein Feld darin ist ein Kriterium, und die Zuordnung mehrerer Zeilen zur rechten Spalte bedeutet nicht, dass etwas vorliegt. Sie bedeutet, dass ein Gespräch sinnvoll ist.

Fünf Beobachtungen, die für einen Termin sprechen

Erstens: Die Beschwerden bestehen an den meisten Tagen über mindestens zwei Wochen. Zweitens: Dinge, die sonst Freude gemacht haben, tun es auch dann nicht, wenn die Gelegenheit günstig ist.

Drittens: Andere haben etwas gesagt. Rückmeldungen aus der Familie oder vom Arbeitsplatz sind ein guter Anhaltspunkt, gerade weil die eigene Wahrnehmung in solchen Phasen träge wird. Viertens: Es wird mehr getrunken, mehr geraucht oder es werden Schlafmittel verwendet, um durch den Tag zu kommen.

Fünftens: Es gibt Gedanken daran, dass es besser wäre, nicht mehr da zu sein. Dieser Punkt steht nicht am Ende, weil er der unwichtigste wäre, sondern weil er als einziger keinen Aufschub verträgt.

Zwei Wochen mitschreiben, bevor Sie hingehen

Kleiner Papierkalender mit handschriftlichen Notizen und einem Stift auf einem Tisch
Kai3952 / CC BY-SA 4.0

Ein einfacher Kalender ist die nützlichste Vorbereitung auf ein Gespräch. Er kostet eine Minute am Abend und liefert genau das, woran die Erinnerung scheitert: den Verlauf.

Eingetragen werden vier Angaben: Stimmung auf einer Skala von null bis zehn, Schlafdauer, Zeit im Freien in Minuten, und ob der Tag im Wesentlichen bewältigt wurde. Mehr nicht, weil längere Bögen nach vier Tagen liegen bleiben.

Nach zwei Wochen zeigt der Zettel drei Dinge, die im Gespräch weiterhelfen: ob die Schwankung mit dem Wetter zusammenhängt, ob Schlaf und Stimmung zusammenlaufen, und wie viele Tage tatsächlich betroffen waren. Fast immer weicht diese Zahl von der Schätzung ab, meistens nach unten, gelegentlich deutlich nach oben.

Womit man in die Praxis geht

Nützlich sind vier Dinge: der Kalender, eine Liste der eingenommenen Medikamente einschließlich frei verkäuflicher Präparate, die Angabe, seit wann es besteht und ob es in früheren Jahren ähnlich war, und ein Satz dazu, was konkret nicht mehr gelingt.

Der letzte Punkt ist der wichtigste und der ungewohnteste. Nicht, wie es sich anfühlt, sondern was liegen bleibt: die Steuerunterlagen seit sechs Wochen, der Anruf bei der Schwester, der Weg zum Sport, der seit September ausfällt.

Ausdrücklich nicht nötig ist eine Vorabeinschätzung aus dem Netz. Fragebögen, die dort angeboten werden, sind nicht als Selbsttest gebaut und liefern Ergebnisse, die ohne Gespräch nicht interpretierbar sind. Sie ersetzen keine Untersuchung und führen häufiger zu falscher Beruhigung als zu einer sinnvollen Entscheidung.

Wie das Gespräch üblicherweise abläuft

In der Hausarztpraxis beginnt es meist mit Fragen zum Verlauf und zum Alltag, gefolgt von einer körperlichen Untersuchung und in der Regel einer Blutabnahme. Das ist keine Verzögerung, sondern der übliche erste Schritt.

Danach entscheidet sich, ob eine weitere Abklärung sinnvoll ist. Möglich sind eine Überweisung, eine psychotherapeutische Sprechstunde oder eine engmaschige Wiedervorstellung. Welche Verfahren dabei zur Verfügung stehen und wer das festlegt, regelt der Gemeinsame Bundesausschuss.

Für die psychotherapeutische Sprechstunde ist keine Überweisung nötig. Termine vermittelt die Terminservicestelle unter der Nummer 116 117, telefonisch rund um die Uhr. Der Weg dorthin ist unabhängig davon, ob die Beschwerden jahreszeitlich gebunden sind oder nicht.

Was vorher ausgeschlossen wird

Bevor über Jahreszeiten gesprochen wird, werden körperliche Ursachen geprüft, weil mehrere davon ähnliche Beschwerden hervorrufen können. Dazu gehören Schilddrüsenfunktion, Blutbild und je nach Lage weitere Werte.

Geprüft wird außerdem die Medikation. Einige regelmäßig eingenommene Mittel können Müdigkeit und Antriebsminderung begünstigen, und das betrifft auch Präparate, die ohne Rezept gekauft wurden und deshalb oft nicht erwähnt werden.

Ein dritter Bereich ist der Schlaf selbst. Unterbrochener Schlaf mit Atemaussetzern, Schichtdienst und stark verschobene Zeiten erzeugen Beschwerden, die von außen wie eine Stimmungssache aussehen. Diese Reihenfolge, erst körperlich, dann alles Weitere, ist der Grund für den Termin in der Hausarztpraxis.

Lichttherapie: was dazu bekannt ist und was offen bleibt

Die Anwendung heller Lampen am Morgen ist eine seit Jahrzehnten untersuchte Maßnahme bei jahreszeitlich gebundenen depressiven Beschwerden, und sie gehört zu den Verfahren, die in Leitlinien dafür erwähnt werden. Über die Wirksamkeit im Einzelfall sagt das nichts.

Die Untersuchungen sind methodisch schwierig, weil sich eine solche Anwendung schlecht verblinden lässt: Teilnehmende merken, ob eine Lampe leuchtet. Deshalb sind die Effektschätzungen mit Vorsicht zu lesen, und die Ergebnisse fallen je nach Studienaufbau unterschiedlich aus.

Praktisch heißt das: Eine Lampe ist kein harmloses Wellnessgerät, das man nebenbei anschafft. Bei bestimmten Augenerkrankungen und bei bestimmten Medikamenten ist Vorsicht geboten, und bei bipolaren Verläufen ist die Anwendung ausdrücklich fachlich zu begleiten. Die Entscheidung dafür gehört deshalb in die Praxis, nicht in den Einkaufswagen.

Was im Winter unabhängig davon trägt

Nasser Waldweg mit buntem Herbstlaub bei diffusem Licht am späten Vormittag
Famartin / CC BY-SA 4.0

Unabhängig von jeder Einordnung gibt es drei Dinge, die in dieser Jahreszeit regelmäßig helfen und niemandem schaden. Das erste ist Tageslicht am Vormittag, im Freien, auch bei bedecktem Himmel und ohne Sonnenbrille.

Das zweite ist Bewegung in einem Umfang, der sich an schlechten Tagen halten lässt. Nicht das Programm, das im Sommer funktioniert hat, sondern die kleine Variante, die auch bei Regen stattfindet; dazu passt unser Text darüber, wie Bewegung auf den Kopf wirkt.

Das dritte ist eine feste Aufstehzeit, auch am Wochenende. Sie hält den Takt stabiler als jede Abendroutine, und sie ist die Maßnahme, die am häufigsten als Erstes wegfällt, wenn der Antrieb nachlässt.

Diese drei ersetzen keine Abklärung. Sie sind das, was sich parallel tun lässt, während ein Termin ansteht, und sie machen die Wochen bis dahin erträglicher.

Wann es nicht bis zum Termin warten kann

Es gibt Situationen, in denen die geordnete Reihenfolge nicht gilt. Dazu gehören Gedanken daran, sich das Leben zu nehmen, Pläne dazu, das Gefühl, den nächsten Tag nicht zu schaffen, und ein plötzlicher, starker Einbruch innerhalb weniger Tage.

In diesen Fällen ist die richtige Stelle nicht der Terminkalender, sondern der psychiatrische Notdienst, die Ambulanz einer Klinik oder die 112. Diese Stellen sind für genau solche Lagen da, und niemand muss dafür begründen, dass es schlimm genug ist.

Bei Gedanken, sich das Leben zu nehmen, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr, kostenfrei und anonym unter 0800 1110111 und 0800 1110222 erreichbar; für den ärztlichen Bereitschaftsdienst gilt bundesweit die 116 117, bei akuter Gefahr die 112.

Häufige Fragen

Kann ich mir selbst sicher sein, dass es nur die Jahreszeit ist?

Nein, und das ist keine Vorsichtsformel. Die Zuordnung zu einer Jahreszeit setzt einen Verlauf über mehrere Jahre und den Ausschluss anderer Ursachen voraus. Beides lässt sich allein nicht leisten, deshalb ist die Einordnung eine Aufgabe für die Praxis.

Ab wie vielen Tagen sollte ich einen Termin machen?

Eine brauchbare Faustregel sind zwei Wochen mit Beschwerden an den meisten Tagen, verbunden mit spürbaren Folgen im Alltag. Wer unsicher ist, macht den Termin früher; ein Gespräch, das sich als unnötig herausstellt, richtet keinen Schaden an.

Hilft eine Tageslichtlampe aus dem Elektronikmarkt?

Geräte unterscheiden sich erheblich in Lichtstärke, Abstandsangaben und Filterung. Ob eine Anwendung sinnvoll ist, mit welcher Dauer und zu welcher Uhrzeit, ist eine fachliche Frage, ebenso wie die Prüfung von Gegenanzeigen. Der Kauf vorab ersetzt diese Klärung nicht.

Was ist mit Nahrungsergänzung im Winter?

Ob ein Mangel besteht, zeigt eine Untersuchung, nicht die Jahreszeit. Eine Einnahme auf Verdacht ist weder harmlos noch hilfreich, und die Frage nach sinnvollen Präparaten gehört in dasselbe Gespräch wie die Blutwerte.

Ich habe im Frühjahr immer wieder gute Phasen. Spricht das gegen eine Abklärung?

Im Gegenteil, es ist eine wichtige Information. Ein wiederkehrendes Muster mit Besserung im Frühjahr ist genau das, wonach in der Praxis gefragt wird, und es gehört deshalb erzählt, nicht verschwiegen.

Kann ich mit Bewegung und Licht abwarten, ob es besser wird?

Beides ist sinnvoll und schließt einen Termin nicht aus. Problematisch wird das Abwarten dann, wenn es sich über Monate zieht und der Alltag darunter leidet. Eine gute Regel ist, sich vorab ein Datum zu setzen, an dem entschieden wird.