Aaron Antonovsky fragte nicht, was krank macht, sondern was trägt

Ein Schreibtisch mit aufgeschlagenen Büchern und Notizen in einer ruhigen Bibliothek

Die meisten Fragebögen zur psychischen Gesundheit fragen nach Symptomen: Wie oft fühlten Sie sich in den letzten zwei Wochen niedergeschlagen, ängstlich, erschöpft. Aaron Antonovsky stellte in den siebziger Jahren eine andere Frage, und diese Umkehrung prägt die Resilienzforschung bis heute.

Er fragte nicht, was Menschen krank macht, sondern was Menschen trägt, obwohl sie extremen Belastungen ausgesetzt waren. Diese Frage entstand nicht am Schreibtisch, sondern aus einer konkreten Beobachtung in seiner Forschung zu Frauen, die den Holocaust überlebt hatten.

Was folgt, ist ein Porträt des Medizinsoziologen, die Entstehung seines salutogenetischen Modells und die Erklärung seiner drei Kernbestandteile: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit. Dazu die Abgrenzung zu gängigen Resilienzkonzepten, mit denen der Ansatz oft verwechselt wird.

  • Wer: Aaron Antonovsky, amerikanisch-israelischer Medizinsoziologe, 1923 bis 1994
  • Ausgangspunkt: Forschung zu Frauen nach Konzentrationslagerhaft in den sechziger Jahren
  • Kernfrage: was Menschen trotz massiver Belastung gesund erhält
  • Modell: Salutogenese, als Gegenbegriff zur Pathogenese
  • Zentraler Begriff: das Kohärenzgefühl mit drei Bestandteilen
  • Unterschied zu Resilienzkonzepten: der Blick liegt auf der Bewegung auf einem Kontinuum, nicht auf einer Widerstandskraft
  • Grenze: das Modell ersetzt keine Behandlung bei bestehender psychischer Erkrankung

Wer Aaron Antonovsky war

Aaron Antonovsky wurde 1923 in den Vereinigten Staaten geboren und arbeitete als Medizinsoziologe, bevor er nach Israel übersiedelte und dort an der Ben-Gurion-Universität lehrte. Sein akademisches Interesse galt zunächst der Frage, wie soziale Ungleichheit Gesundheit beeinflusst.

Bekannt wurde er vor allem für einen Perspektivwechsel, den er in den siebziger Jahren formulierte, und der die Gesundheitsforschung bis in die Gegenwart beeinflusst. Statt zu fragen, warum Menschen krank werden, stellte er die umgekehrte Frage: warum manche Menschen unter denselben widrigen Bedingungen gesund bleiben.

Diese Umkehrung klingt einfach, war zu ihrer Zeit aber ungewöhnlich, weil die Gesundheitsforschung überwiegend risikoorientiert arbeitete: Man suchte nach Faktoren, die Krankheit auslösen, nicht nach Faktoren, die Gesundheit stützen.

Die Beobachtung, die den Ansatz auslöste

Den Ausgangspunkt bildete eine Untersuchung zu Frauen, die in Konzentrationslagern inhaftiert gewesen waren und Jahrzehnte später an einer Studie zur Menopause teilnahmen. Antonovsky verglich ihre psychische Gesundheit mit der einer Gruppe von Frauen ohne diese Vorgeschichte.

Erwartungsgemäß zeigte die Gruppe mit Lagerhaft insgesamt eine schlechtere psychische Verfassung. Was ihn aber überraschte, war ein bedeutender Teil dieser Frauen, der trotz der extremen Belastung eine gute psychische Gesundheit aufwies. Diese Beobachtung ließ sich mit dem damals üblichen, ausschließlich risikoorientierten Blick nicht erklären.

Statt die belastende Vorgeschichte allein als erklärenden Faktor zu behandeln, richtete er die Aufmerksamkeit auf das, was diese Frauen offenbar unterschied: eine bestimmte Grundhaltung gegenüber der eigenen Lebenswelt, die er später als Kohärenzgefühl beschrieb.

Salutogenese als Gegenbegriff zur Pathogenese

Aus dieser Beobachtung entwickelte Antonovsky den Begriff der Salutogenese, wörtlich die Entstehung von Gesundheit, als bewussten Gegenbegriff zur Pathogenese, der Entstehung von Krankheit. Beide Blickrichtungen schließen einander nicht aus, ergänzen sich aber.

Zentral für sein Modell ist die Vorstellung eines Kontinuums zwischen völliger Gesundheit und völliger Krankheit, auf dem sich jeder Mensch ständig bewegt, statt in zwei feste Kategorien gesund oder krank eingeteilt zu werden. Belastung schiebt in Richtung Krankheit, bestimmte Ressourcen schieben zurück in Richtung Gesundheit.

Diese Kontinuum-Vorstellung war zu ihrer Zeit ein deutlicher Bruch mit dem medizinischen Denken, das Krankheit meist als klar abgrenzbaren Zustand behandelte. Für die psychische Gesundheit passt das Kontinuum-Modell besonders gut, weil Belastung und Erholung dort selten in scharfen Grenzen verlaufen.

Das Kohärenzgefühl als Kernbegriff

Den zentralen Begriff seines Modells nannte Antonovsky Kohärenzgefühl, im englischen Original sense of coherence. Gemeint ist eine grundlegende, über die Lebensspanne relativ stabile Haltung gegenüber der eigenen Lebenswelt, unabhängig vom aktuellen Ausmaß der Belastung.

Diese Haltung entscheidet nach seinem Modell mit darüber, ob eine Person eine schwierige Situation als bewältigbar erlebt oder als überwältigend. Sie ersetzt weder Ressourcen noch äußere Unterstützung, wirkt aber wie ein Filter, durch den Belastung wahrgenommen und verarbeitet wird.

Antonovsky beschrieb das Kohärenzgefühl nicht als Charaktereigenschaft im engeren Sinn, sondern als Ergebnis von Lebenserfahrungen, die sich über Jahre in der Wahrnehmung der eigenen Handlungsfähigkeit ablagern.

Kohärenzgefühl Salutogenese: wie die beiden Begriffe zusammenhängen

Kohärenzgefühl Salutogenese sind im Werk Antonovskys eng miteinander verbunden: Die Salutogenese liefert die übergeordnete Fragerichtung nach der Entstehung von Gesundheit, das Kohärenzgefühl liefert die konkrete psychologische Größe, mit der sich diese Frage messen und untersuchen lässt.

Ohne das Kohärenzgefühl bliebe die Salutogenese eine allgemeine Denkrichtung ohne greifbaren Untersuchungsgegenstand. Ohne die Salutogenese als Rahmen wäre das Kohärenzgefühl nur eine weitere psychologische Eigenschaft unter vielen, ohne die Einbettung in die Frage nach Gesundheit auf einem Kontinuum.

Diese Verbindung erklärt, warum beide Begriffe in der Fachliteratur fast immer gemeinsam auftauchen und selten getrennt voneinander behandelt werden.

Die drei Bestandteile des Kohärenzgefühls

Drei ineinandergreifende Puzzleteile liegen auf einer hellen Oberfläche
User:Vectortoons / CC BY 4.0

Antonovsky gliederte das Kohärenzgefühl in drei Bestandteile. Verstehbarkeit bezeichnet den Eindruck, dass die eigene Lebenswelt einigermaßen strukturiert und erklärbar ist, statt willkürlich und chaotisch zu wirken.

Handhabbarkeit bezeichnet den Eindruck, über ausreichend Ressourcen zu verfügen, um Anforderungen zu begegnen, sei es durch eigene Fähigkeiten oder durch Unterstützung aus dem Umfeld. Sinnhaftigkeit bezeichnet den Eindruck, dass Anstrengung sich lohnt und das eigene Leben Bereiche enthält, die emotional bedeutsam sind.

Von den drei Bestandteilen hielt Antonovsky die Sinnhaftigkeit für den wichtigsten, weil sie die Motivation liefert, überhaupt nach Verstehbarkeit und Handhabbarkeit zu suchen. Ohne einen Grund, sich anzustrengen, verlieren die beiden anderen Bestandteile ihre praktische Bedeutung.

Wie das Kohärenzgefühl im Alltag wirkt

Zwei Menschen mit derselben beruflichen Belastung können sehr unterschiedlich reagieren, je nach ausgeprägtem Kohärenzgefühl. Eine Person mit hoher Verstehbarkeit ordnet eine plötzliche Umstrukturierung als nachvollziehbaren Vorgang ein, auch wenn sie unangenehm ist. Eine Person mit geringer Verstehbarkeit erlebt dieselbe Umstrukturierung eher als unberechenbare Bedrohung.

Ähnlich verhält es sich mit der Handhabbarkeit: Wer überzeugt ist, im Zweifel Unterstützung zu finden, geht anders an ein Problem heran als jemand, der sich grundsätzlich allein gelassen fühlt, selbst wenn objektiv ähnliche Ressourcen vorhanden wären.

Das Modell erklärt damit, warum identische äußere Belastungen zu sehr unterschiedlichem Erleben führen können, ohne dass eine der beiden Reaktionen als falsch bezeichnet werden müsste.

Was den Ansatz von gängigen Resilienzkonzepten unterscheidet

Ein Fluss fließt zwischen Steinen hindurch statt sie zu umgehen, Sinnbild für den salutogenen Blick

Populäre Resilienzkonzepte beschreiben oft eine Widerstandskraft, die eine Person gegen Belastung schützt, ähnlich einem Schutzschild. Antonovskys Modell denkt anders: Es geht nicht um Widerstand gegen Belastung, sondern um eine Grundhaltung, die bestimmt, wie Belastung verarbeitet wird, während sie stattfindet.

Ein weiterer Unterschied liegt im Ursprung des Ansatzes. Viele Resilienzkonzepte entstanden aus der Frage, warum manche Menschen nach einem einzelnen belastenden Ereignis schneller wieder auf ein Ausgangsniveau zurückfinden. Antonovsky fragte breiter danach, was über eine ganze Lebensspanne hinweg Gesundheit stützt, unabhängig von einem einzelnen Auslöser.

Schließlich unterscheidet sich der Anspruch: Resilienzkonzepte werden häufig in Trainingsprogrammen vermittelt, mit dem Versprechen, Widerstandskraft gezielt aufzubauen. Antonovsky selbst war zurückhaltender mit der Vorstellung, das Kohärenzgefühl ließe sich in kurzer Zeit gezielt trainieren, weil es sich seiner Auffassung nach über Jahre aus Lebenserfahrungen bildet.

Wie sich Verstehbarkeit im Alltag stärken lässt

Auch wenn Antonovsky das Kohärenzgefühl als langfristig stabil beschrieb, lassen sich einzelne Situationen so gestalten, dass sie mehr Verstehbarkeit vermitteln. Dazu gehört, sich vor einer belastenden Veränderung aktiv Informationen zu beschaffen, statt Unklarheit auszuhalten.

Auch das Nachfragen bei Vorgesetzten oder Fachpersonen, wenn ein Ablauf unklar bleibt, erhöht die Verstehbarkeit einer Situation, selbst wenn sich an der Belastung selbst nichts ändert. Der Unterschied liegt darin, eine Situation als erklärbar statt als willkürlich zu erleben.

Dieser Baustein lässt sich gezielt in konkreten Situationen anwenden, auch wenn er das grundlegende Kohärenzgefühl als solches nicht kurzfristig verändert.

Wie sich Handhabbarkeit im Alltag stärken lässt

Handhabbarkeit lässt sich stärken, indem verfügbare Ressourcen sichtbar gemacht werden, statt sie als selbstverständlich zu betrachten. Eine konkrete Liste von Personen, die im Ernstfall angesprochen werden können, macht diesen Bestandteil greifbarer als ein diffuses Gefühl von Unterstützung.

Auch das bewusste Aufteilen einer großen Anforderung in kleinere, bewältigbare Schritte stärkt das Erleben von Handhabbarkeit, weil jeder erledigte Schritt als Beleg für die eigene Handlungsfähigkeit dient.

Wichtig ist dabei die Ehrlichkeit gegenüber den tatsächlichen Grenzen der eigenen Ressourcen. Handhabbarkeit bedeutet nicht, alles allein bewältigen zu müssen, sondern zu wissen, wo Unterstützung eingeholt werden kann.

Wie sich Sinnhaftigkeit im Alltag stärken lässt

Sinnhaftigkeit lässt sich am ehesten stärken, indem regelmäßig Zeit für Bereiche eingeplant wird, die unabhängig von äußerem Erfolg als bedeutsam empfunden werden, etwa Beziehungen, ein Ehrenamt oder eine persönliche Leidenschaft.

In Phasen hoher beruflicher Belastung geraten solche Bereiche oft zuerst unter Druck, obwohl sie nach Antonovskys Modell den wichtigsten der drei Bestandteile darstellen. Ihr bewusster Erhalt, auch in reduzierter Form, kann die Bewältigung anderer Belastungen leichter machen.

Fehlt Sinnhaftigkeit über längere Zeit vollständig, ist das ein Signal, das über eine kurzfristige Anpassung hinausgeht und ein Gespräch über die eigene Lebensgestaltung wert ist, gegebenenfalls mit fachlicher Begleitung.

Was aus dem Modell in der Praxis geworden ist

Der salutogenetische Ansatz wird heute in der Gesundheitsförderung, in der Pflegeausbildung und in der betrieblichen Gesundheitsarbeit eingesetzt, oft als Ergänzung zu klassischen, risikoorientierten Ansätzen. Für die Erfassung des Kohärenzgefühls wurde ein Fragebogen entwickelt, der in zahlreichen Studien verwendet wurde.

Die Übertragung des Modells auf konkrete Trainingsprogramme bleibt allerdings ein umstrittener Punkt, weil Antonovsky selbst das Kohärenzgefühl als über Jahre gewachsen beschrieb und nicht als kurzfristig trainierbare Fertigkeit. Programme, die eine schnelle Stärkung versprechen, gehen über das hinaus, was das ursprüngliche Modell hergibt.

Für den Alltag bleibt der Wert des Modells vor allem in der Blickrichtung: Statt ausschließlich nach Risikofaktoren zu suchen, lohnt sich die Frage, welche der drei Bestandteile in einer aktuellen Situation am schwächsten ausgeprägt sind und woran das liegt.

Was das Modell nicht leistet

Das Kohärenzgefühl erklärt einen Teil der Unterschiede darin, wie Menschen mit Belastung umgehen, nicht die gesamte psychische Gesundheit. Es ersetzt keine Diagnostik und keine Behandlung, wenn bereits eine psychische Erkrankung vorliegt.

Wer anhaltende depressive Verstimmungen, starke Ängste oder andere belastende Symptome bemerkt, sollte das unabhängig vom eigenen Kohärenzgefühl fachlich abklären lassen. Eine erste Einordnung von Angstbeschwerden und dem Weg zu professioneller Unterstützung bietet unser Beitrag über Angststörungen verstehen und bewältigen.

Ebenso wenig sagt ein geringes Kohärenzgefühl etwas über die Schwere einer aktuellen Belastung aus. Auch Menschen mit einer über Jahre stabilen, günstigen Grundhaltung können durch außergewöhnliche Ereignisse an ihre Grenzen kommen.

Was von Antonovskys Blick bis heute bleibt

Der bleibende Beitrag liegt weniger in einer einzelnen Technik als in einer Frage, die sich auf viele Situationen anwenden lässt: Was trägt hier bereits, und wie lässt sich das erhalten, statt sich ausschließlich auf das zu konzentrieren, was fehlt oder bedroht.

Diese Frage lässt sich auf berufliche Belastung, auf chronische Erkrankung, auf familiäre Krisen und viele weitere Situationen anwenden, ohne dass ein starres Programm dahinterstehen muss. Wer sich in einer schwierigen Phase befindet, kann sie sich als einfachen Einstieg stellen, unabhängig davon, ob die Situation sich kurzfristig ändern lässt.

Was das Konzept für den Umgang mit Rückschlägen bedeutet

Wer die drei Bestandteile kennt, kann nach einem Rückschlag gezielter fragen, woran es gerade hapert, statt sich pauschal als wenig belastbar zu erleben. Fehlt es an Verstehbarkeit, hilft das Einholen von Informationen. Fehlt es an Handhabbarkeit, hilft die Suche nach konkreter Unterstützung. Fehlt es an Sinnhaftigkeit, hilft die bewusste Rückbesinnung auf das, was im eigenen Leben bedeutsam ist.

Diese Aufteilung ersetzt keine schnelle Lösung, gibt aber eine Richtung vor, in der sich weiterdenken lässt, statt bei einem diffusen Gefühl der Überforderung stehen zu bleiben.

Häufige Fragen

Ist das Kohärenzgefühl angeboren oder erlernt?

Antonovsky sah es als Ergebnis von Lebenserfahrungen, die sich vor allem bis ins junge Erwachsenenalter formen und danach relativ stabil bleiben, ohne von Geburt an vollständig festgelegt zu sein.

Kann sich das Kohärenzgefühl im Erwachsenenalter noch verändern?

Größere Veränderungen gelten als seltener und langsamer als in jüngeren Jahren, werden aber nicht ausgeschlossen, insbesondere durch einschneidende Lebenserfahrungen oder anhaltend veränderte Lebensumstände.

Ist Salutogenese ein anerkanntes wissenschaftliches Konzept?

Es gehört zu den etablierten Ansätzen der Gesundheitsforschung mit einer breiten Zahl an Untersuchungen, auch wenn einzelne Annahmen, etwa zur Stabilität des Kohärenzgefühls, weiterhin diskutiert werden.

Unterscheidet sich das Modell je nach Kultur?

Der Fragebogen wurde in vielen Ländern eingesetzt, wobei die drei Bestandteile in unterschiedlichen kulturellen Kontexten unterschiedlich stark gewichtet sein können, etwa je nach Rolle von Gemeinschaft und Familie.

Was ist der Unterschied zwischen Kohärenzgefühl und Optimismus?

Optimismus beschreibt eine allgemeine Erwartung, dass Dinge gut ausgehen. Das Kohärenzgefühl beschreibt eher, wie verstehbar, handhabbar und sinnhaft die eigene Welt insgesamt erlebt wird, unabhängig von der Erwartung an ein konkretes Ergebnis.

Wo kann ich mein eigenes Kohärenzgefühl einschätzen lassen?

Wissenschaftlich validierte Fragebögen dazu werden vor allem im Forschungskontext oder in fachlicher Begleitung eingesetzt. Für eine belastbare Einschätzung im eigenen Fall ist ein Gespräch mit einer entsprechend qualifizierten Fachperson sinnvoller als ein Test im Internet.